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Rundbrief Nr. 3 Dezember 1994


Ruanda:

Gespräch mit dem ruandischen Journalisten Sixbert Musangamfura

Sixbert Musangamfura, vor dem Volkermord Geschaftsführer der Zeitung Isibo, ist heute "Chef' des Nachrichtendienstes des neuen Regimes. Er erzahlt, wie Radio Tèlèvision Libre des Milles Collines (RTLM) geboren wurde, von seinen Verbindungen mit der Familie Habyarimana. Er beschreibt die Faszination, die dieses "Radio des Hasses" auf sein Publikum ausubte.

Welche Rolle spielte Agathe Habyarirnana auf der politischen Ebene?

Agathe Habyarimana war einflußreich. Jeder, der näher mit dem Staatschef oder anderen Verantwortlichen des Staates zu tun hatte, spürte den Einfluß seiner Ehefrau auf die Entscheidungen. Agathe Habyarimanas Bruder umgaben den Präsidenten. Sie waren immer da: vor allem Sagatwa, sein Privatsekretär. Ein anderer Bruder Agathes, Protais, war früher Präfekt von Ruhengeri. Er hatte es so eingerichtet, daß ihm alle Berichte des Nachrichtendienstes übermittelt wurden, die er dann personlich an den msidenten weiterleitete. Noch ein anderer Bruder, Seraphin Rwabukumba, kümmerte sich um den privaten Terminkalender des Präsidenten. Er vereinbarte sogar die offiziellen Treffen.

Kann rnan von einem "Netzwerk des Präsidenten" sprechen?

Es sind die Leute aus der Präsidenten-Familie, nah oder entfernt, die die öffentliche Sache verwalten. Jedesmal stellt man fest, daß es Brüder oder Vettern der Prasidentin sind, aus der verschwagerten Familie des Präsidenten.

Mehr als seine eigene Farnilie? Die Farnilie der Frau?

Ganz genau. Die Familie von Juvenal Habyarimana selbst ist sehr klein und hat nur wenig von der Macht profitiert.

Wie war die Verbindung zu Felicien Kabuga?

Der Sohn Habyarimanas (Gründer von Radio Milles Collines) hat die Tochter von Kabuga geheiratet. Gab es Geschäftsverbindungen zwischen den beiden Familien?

Kabuga ist zu einem der größten Importeure des Landes geworden, ohne daß seine Lastwagen jemals kontrolliert wurden. Er konnte auf diese Weise alles transportieren, ohne Überprüfung. Als Gegenleistung erwies er der Familie des Präsidenten Dienste, verteilte er Geschenke. Er war auch der Hauptfinanzier von Radio Television Libre des Mille Collines (RTLM)?

Ich bin absolut überzeugt, daß er im Auftrag der Familie Habyarimana handelte. In dem Augenblick, in dem das Radio gestartet wurde, haben seine Initiatoren versucht, eine ganze Menge Leute einzubeziehen. Jeder mußte 5.000 (ruandische) Francs bezahlen. Es ist auch bekannt, daß der Präsident der Republik den ehemaligen Präsidenten der Orinfor, Ferdinand Nahimana, Führungskraft bei RTLM empfangen hat: Letzterer soll ihm angeboten haben, Aktien des freien Radios zu kaufen, "damit er Hauptanteilseigner werde". Ich glaube daß dann die Berater des Präsidenten Bedenken gegen seine öffentliche Teilnahme an RTLM anmeldeten und daß er keine Aktien gekauft hat.Sie waren, glaube ich, fünf. Es war ein Initiavkomitee. Sie haben ein Dokument verteilt, den Plan der RTLM-Gründung. Ich hatte ihn selbst in den Händen. Diese Verrsammlung fand einige Zeit vor der Gründung der politischen Parteien statt, 1991. Es gab damals Zeitungen, die von der Partei MRND finanziert wurden, aber die Leute haben sie nicht gelesen, sie wurden als qualitativ schlecht beurteilt. Darum haben sie ans Radio gedacht. Auch mit Vorausblick auf den Wahlkampf, fur den Fall, daB Friedensvertrage mit der FPR abgeschlossen wurden. Sie sagten: "Wir brauchen ein eigenes Radio."

Wie haben sich die Gründer die Radioausstattung beschafft?

Das Material wurde in Deutschland gekauft. Ferdinand hat eine Marktstudie gemacht. Ihm wurde von Joseph Serugendo geholfen, der beim nationalen Radio für die Technik verantwortlich war. Er war übrigens gleichzeitig der Leiter der Technik bei Radio des Mille Collines.


Zu welchem Zeitpunkt hat RTLM eine Sprache benutzt, die zum Haß aufrief?

Schon bei seiner Gründung war der Ton schrecklich. Und er wurde zunehmend schlimmer. Sie sagten, daß es ein Radio für die Hutus sei.

Warurn war dieses Radio 50 erfolgreich? Weil es gut gemacht war? Anders als das Nationalradio?

Ich habe es ständig gehört, denn immer wenn RTLM eine Person besonders hervorhob, konnte man sicher sein, daß kurze Zeit später die Interahamwe (Regierungsmilizen) auftauchen würden. Daher mußten vorsichtige Leute unbedingt dieses Radio hören, für den Fall, daß sie genannt wurden. Dann wußte man, daß man noch am selben Tag die Adresse wechseln mußte. Das war wie mit der Zeitung Kangura.

Das erklärt nicht den Erfolg von Radio des Mille Collines...

Die Mannschaft von RTLM war Experte darin volkstümliche Programme zu erfinden. Es spielte zum Beispiel Musik, die im offiziellen Radio nicht gesendet werden durfte, wie etwa sehr extremistische Lieder von Simon Bikinde. Dieser - er sang sehr gut, in der Tradition der Volkslieder - rief die Hutus dazu auf, wachsam zu sein, Tutsis zu töten. Ein und dasselbe extremistische Lied konnte bis zu 10 oder 15mal am Tag gesendet werden, damit die Leute es auswendig lernten. Andererseits hat sich Ferdinand Nahimana in der Rekrutierung seiner Mitarbeiter sehr geschickt gezeigt.

Können Sie uns die Moderatoren von RTLM beschreiben?

Da war der beruhmte Kantano Habimana. Er war ein gefürchteter Moderator. Ich persönlich habe noch nie einen vergleichbaren Moderator gehört. Er hatte vorher für die Presse gearbeitet, für Imvaho, eine Zeitung des Staates. Dann für die Einheitspartei MRND - er hat für die Murwanashyaka geschrieben. Danach war er im Regionalbüro der MRND in Butare tätig, wo er so etwas wie ein Parteisekretär der MRND war.

Man sagt, daß der Erfolg des extremistischen Radios von der Auswahl an Sportmoderatoren herrührte, die politische Komrnentare verfaßten.

Es ist komplizierter. Ferdinand Nahimana hat eine große Leidenschaft fur den Fußball. Einen Akademiker, der das runde Leder so sehr liebt, trifft man selten. Man sah ihn mit Kindergruppen: Trommlern und Leuten in traditionellen Kostümen zu den Spielen gehen, um eine Mannschaft zu unterstützen. Das machte ihn sehr beliebt.
Kantano teilte diese Leidenschaft. Er war überdies sehr professionell. Er ließ nie Sendepausen entstehen, das Reden fiel ihm sehr leicht. Er fand immer die Worte, um die Leute zum Lachen zu bringen, auch die, die ihn nicht mochten. Selbst während des Krieges kam man nicht umhin, ihm zuzuhören. Über mich sagte er zum Beispiel: "Ich habe gerade erfahren, daß die Leute, die zu ihm gegangen sind, ihn nicht angetroffen haben. Wo konnte er sein? Sucht weiter das Viertel nach ihm ab." Das sagte er auf eine komische Art, man hatte Lust darüber zu lachen, als wäre es ein Spiel. Ich wollte ihm weiter zuhören. Es war faszinierend.

Erinnern Sie sich an andere Moderatoren dieser Art?

Eine Frau namens Valerie. Ich habe ihren Nachnamen vergessen. aber den kann Ihnen jeder sagen. Sie war ziemlich aufgeregt. sie sprach mit einer gewissen Nervositat. Sie war eine. die die Tutsis nicht mochte und es schaffte, das mit jedem Satz zu zeigen. Wenn sie zum Beispiel das Massaker an einer Tutsi-Familie kommentierte, war sie im siebten Himmel Man spurte da,B sie uber den Sender iubilierte. Sie sa~te: "lhr Jungen aus dem und dem Vierter, ihr seid wirklich sehr mutig. Ich habe die Arbeit gesehen, die ihr getan habt, ihr habt der ganzen Jugend als Vorbild gedient. Diese Leute muBten getotet werden, und ihr habt sie getotet. Der Vater durfte nicht durch eine Kugel in den Kopf getotet werden, man muBte ihn in kleine Stücke schneiden." Sie werden diese Aussagen wiederfinden. wenn sie Mitschnitte von RTLM haben.

Das Gespräch führten Jean-Pierre Chrètien Jean-Francols Dupaquier und Robert Mènard. Ubersetzt wurde es von Nadine Runge.


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